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Konzert für Orchester
[ 1992/93 ]
(3-3-3-3/4-3-3-1/Pk.-2 Schl./Hf./Keyb. ad lib./Str.)
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Das 100-jährige Jubiläum des Tiroler Symphonieorchesters war der Anlass
für den Kompositionsauftrag eines groß dimensionierten Orchesterwerkes.
Ich entschied mich, den Jubilar zum
Thema seiner Arbeit zu machen und ein
»Konzert für Orchester« zu schreiben.
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Die Bezeichnung birgt einen Widerspruch in sich, trotz der gewaltigen
Assoziationen, die sich seit Bartóks epochaler Schöpfung
von selbst ergeben. Erscheint doch das die Form des Konzertes bestimmende
Prinzip des Miteinander-Wetteiferns, die Opposition Individuum -
Kollektiv durch den scheinbaren Wegfall des Solisten aufgehoben.
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Doch in Wahrheit ist es nicht der Solist, der verdrängt
wurde, vielmehr ist es das Kollektiv, das sich emanzipiert, das
sich selbst zum Solisten deklariert, wobei sich das streitbare Element
gleichsam nach innen kehrt: Die Gruppe blättert sich auf, innere
Strukturen werden sichtbar.
Die musikalische Darstellung verschiedener Verhaltensmuster, wie
sie typisch sind für im größeren Verbund miteinander
lebender Menschen, das ergab sich als Herausforderung eines zu schreibenden
»Konzerts für Orchester«.
Mit anderen Worten, es ist der Versuch, den »Solisten«
— das Orchester — zu durchleuchten und gleichzeitig
auch die einzelnen »Steine des Mosaiks« — die
Musiker — ihrerseits sowohl als Gruppen wie auch als Individuen
hörbar zu machen.
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So kommen im Laufe des Stückes verschiedenste
Prozesse in Gang, wie sie sich innerhalb einer Gemeinschaft ergeben
können. Nur etappenweise formieren sich alle Mitglieder geschlossen
zu einer Einheit. Oft bilden sich kleinere Formationen, treten gegeneinander
an, in Konkurrenz oder gar kämpferisch; Individuen lösen
sich ab und treten in der Vordergrund, stellen sich der Masse entgegen,
oder aber es kommt zu einem »Schneeballeffekt«: Ein
Einzelner gibt den Impuls, die anderen steigen ein, und nach und
nach türmt sich ein Stein auf den anderen. Bei alledem gibt
es grundsätzlich zwei Verhaltens-, sozusagen »Kommunikationsmuster«:
das Miteinander und das Gegeneinander. Beide gewinnen
in Hinblick auf die musikalische Rhetorik Gestalt. Die Komposition
pendelt immer wieder zwischen Synchronität und Asynchronität.
Passagen rhythmischen »Gleichschritts« lösen sich
ab mit Abschnitten, in denen einzelne Instrumentalstimmen scheinbar
unabhängig voneinander verlaufen, ja einander ausdrücklich
zu widersprechen scheinen. Die Begriffe »Ordnung« und
»Chaos« stehen dabei als Pole eines gruppendynamischen
Spannungsfeldes im Raum.
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Jedoch handelt es sich bei dieser Thematik nicht
um eine Geschichte, die erzählt wird, die formale Struktur
des Konzerts für Orchester ist rein musikalisch determiniert
und keineswegs narrativ. Auch darin schien mir der Terminus »Konzert«
zuzutreffen:
Es handelt sich um absolute Musik ohne außermusikalisches
»Programm«.
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Dies gilt im besonderen für die Form. Sie gehorcht
dem Prinzip einer Dreiteiligkeit, ist aber keiner traditionellen
Gattung verbunden. Kern des pausenlosen, 25-minütigen Werkes,
Gravitationszentrum gewissermaßen bildet eine Fuge, die von
einem schnellen, energischen Teil umschlossen wird, der sich nach
seiner »Reprise« in einer rasanten Stretta aufs äußerste
steigert. Um diesen schnellen Satz schließlich kreist auf
einer weiteren »Umlaufbahn« ein langsamer, in Variationen
gegliedeter Abschnitt, in welchem einige wichtige Solisten des Orchesters
einzeln vorgestellt werden. »Ein- und Ausgangstür«
bildet sodann ein ff –Akkord des gesamten Orchesters und eine
damit verbundene »Auseinandersetzung« der Blechbläser.
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Zum Einsatz der Elektronik
Die Möglichkeiten, dem traditionellen Orchesterklang neue
Farben abzugewinnen, halte ich nach Jahrzehnten experimenteller
Pionierleistungen zum heutigen Zeitpunkt für weitgehend ausgereizt.
Nicht nur, weil zeitgenössische Musik in sehr vielen Fällen
die Grenzen des herkömmlichen Instrumentariums gesprengt hat,
auch grundsätzlich ist der Vorstoß in ungehörte
Klangwelten von substantieller Bedeutung für die Entwicklung
Neuer Musik. Der Anspruch, neue Inhalte zu entwickeln, bringt die
Notwendigkeit der Erschließung neuer Klangformen mit sich.
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Durch die Einbeziehung der Elektronik habe ich versucht,
dem Instrument »Orchester« neue Ausdrucksmöglichkeiten,
vielleicht sogar eine neue Aussagekraft zu verleihen. Ohne die Identität
traditioneller Instrumente aufzugeben oder zu leugnen, mutieren
deren Klangfarben in der Kombination mit Tönen aus Synthesizer
und Sampler, werden verfremdet oder aber verbinden sich zu einem
ungewohnten Klangereignis, dessen Ursprung faszinierend rätselhaft
bleibt. Auf diese Weise eröffnet sich die Perspektive, durch
aktuelle Technologie erschlossenes Tonmaterial in das kompositorische
Denken einzubeziehen, ohne dass auf die durch nichts zu ersetzende
Lebendigkeit natürlicher Klangerzeugung verzichtet werden müsste.
Gleichzeitig ist auch die oft beschworene Gefahr der Sterilität
synthetischer Instrumente gebannt. Und darüber hinaus liegt
gerade in der Mischung elektronischer Tonquellen mit live gespielten
Instrumenten eine große Chance, die Erfordernisse eines durch
übermächtige Traditionen geprägten Konzertbetriebes
mit dem Anspruch nach innovativen Impulsen zu verbinden.
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