![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
| |
|
|
|
|
 |
|
|
|
|
| |
|
|
|
|
|
|
 |

|
 |
|
| |
|
|
|
| |
|
| |
Alle für einen?
—
Einer gegen alle?
Zur Wechselwirkung von Orchestermusikern und Dirigenten in Verbindung
mit Fragen musikalischer Wertschätzung und Wertschöpfung
[ 2004 ]
Das Orchester
als »Unternehmen«?
Als Gruppe von 60 bis 80 Individualisten bildet ein Orchester
ein Kollektiv, für das es in der freien Wirtschaft keine wirkliche
Entsprechung gibt. Eine äußerst komplexe, von Widersprüchen
geprägte Konstellation unterschiedlichster Personen und Charaktere
tönt im Moment des Konzertes »wie aus einem Munde«
und bündelt sich zu einer Erscheinung, die angesichts der dahinter
stehenden divergierenden Kräfte und Spannungen eine geradezu
unerklärliche Verkörperung harmonischen Zusammenwirkens
darstellt; ein Bild, das abhängig von der Güte des Dirigenten
und anderer Rahmenbedingungen einmal mehr, einmal weniger überzeugend
ausfällt, welches aber insgesamt doch, wenn man sich als Unbeteiligter
die Umstände des Wirkens vergegenwärtigt, in seiner Geschlossenheit
wie ein Wunder anmutet. Woran liegt das?
|
|
| |
Das Orchester –
ein Kollektiv aus
Individualisten
|
|
| |
|
| |
Zum einen zweifellos an
der Kraft der Musik, für die der Komponist verantwortlich ist.
Dies ist hier nicht weiter zu verfolgen. Zum anderen
wird oft auf die integrierende Kraft des Dirigenten verwiesen. Unter
bestimmten Umständen mögen diese Person und ihr Wirken
tatsächlich so dominant sein, dass sie die anderen Faktoren
überlagern. Doch dies ist die Ausnahme, und im übrigen
hat sich der Status der künstlerischen Leiter gewandelt: Die
Zeiten der »uhrenzertrampelnden«, »stäbezerbrechenden«
Toscaninis und wütend schmähenden Celibidaches Anm. 1)
sind vorbei, das aktuelle Leitbild von Orchesterleitern entspricht
eher dem Typus von Partnern bzw. Koordinatoren. Im Widerspruch dazu
stehen oft die Erwartungen des Arbeitsumfeldes, in welchem eine
überragende künstlerische Autorität gepaart mit kollegialer
Umsicht gewünscht wird, die zudem internationales Format und
entsprechenden »Marktwert« mit regionaler Hingabe zu
verbinden versteht und zu moderaten Preisen zu »haben«
ist — eine »eierlegende Wollmilchsau«, die so
gut wie nie zu finden ist. Das Projizieren unrealisierbarer Wünsche/Sehnsüchte
in die Person des GMD ist freilich nur einer der Widersprüche
im »Getriebe« eines Orchesters.
|
|
| |
Der Dirigent –
Partner und
Koordinator?
|
|
| |
|
| |
Spannungserzeugende Faktoren
Dass dieses funktioniert, ist gewissen Rahmenbedingungen zu verdanken,
welche die Voraussetzungen für ein (möglichst reibungsarmes
und) ökonomisches Funktionieren darstellen. Wenn man diese
untersucht, legt man gleichzeitig die Hintergründe des »Mechanismus«
Orchester frei und stößt auf merkwürdige, teils
geradezu »schizophrene« Konstellationen.
Ausbildung und berufliche
Realität der Orchestermusiker
Werden Orchestermusiker im Rahmen ihrer Ausbildung schwerpunktmäßig
als Solisten geprägt (auch beim Probespiel wird das diesbezügliche
Können beurteilt), so geht es im Orchesteralltag entweder zur
Gänze (Tuttistreicher) oder zum Großteil um die Fähigkeit
der Integration in eine Gemeinschaft, deren Ganzes mehr als die
Summe der einzelnen Kräfte ergibt. Während man als Solist
zu größtmöglicher individueller Aussage aufgefordert
ist, so gilt im Orchesterverbund zumeist die entgegengesetzte Losung:
der Anspruch, sich einzufügen in einen einheitlichen Gesamtklang,
der durch das Umfeld bestimmt wird, und in die Interpretationsvorgabe
des jeweiligen Dirigenten.
Bruchstückhaft ist dann auch oft die musikalische Wahrnehmung:
wenn ein Musiker etwa unmittelbar vor dem Schlagwerk oder den Posaunen
positioniert wird, welche das Geschehen bis über die Schmerzgrenze
hinaus übertönen (was gelegentlich sogar den Einsatz von
Lärmschutzwänden u.ä. Vorkehrungen notwendig macht!).
Spätestens in diesen Momenten geht für den individuellen
Musiker der Blick auf das Ganze verloren; was bleibt, ist die Erfahrung
des eigenen Parts als klangliches »Fragment«.
|
|
| |
Spannungen im
Mechanismus
Orchester?
|
|
|
| |
|
| |
Der
Verlust des Individuums
Allenfalls in Solopassagen, sofern ihnen solche übertragen
sind, können MusikerInnen ihre persönlichen Anschauungen
einbringen, freilich in Übereinstimmung mit dem Grundkonzept
der Aufführung. Wichtige Entscheidungen — etwa der Tempowahl
— liegen außerhalb ihres Einflussbereichs, und die Beurteilung
eines Dirigenten seitens der Musiker entzündet sich nicht selten
an der Frage, inwieweit sich die eigene Auffassung des jeweiligen
Werkes mit der Fremdauffassung deckt. Routiniers haben es da leichter:
Sie haben im Laufe der Zeit die nötige abgeklärte Distanz
bzw. Akzeptanz entwickelt, welche auf der Kenntnis unterschiedlicher
zulässiger Interpretationsspielräume gründet. Oder
aber sie haben aufgrund signifikanter Erlebnisse der Vergangenheit
eine bestimmte Lösung im Kopf, an der dann die jeweilige Aufführung
und ihre LeiterIn gemessen werden. Beides geht jedenfalls mit dem
Verlust eigener Standpunkte einher.
Der Abbau von Risiko
Nach erfolgreich absolviertem Probespiel erfährt der junge
Musiker auch vertraglich seinen neuen Status als Teil eines Kollektivs:
Nach einem Probejahr mit dem Privileg der faktischen Unkündbarkeit
ausgestattet kommt er in den Genuss sozialer Sicherheit und befindet
sich somit relativ früh am Ziel, nachdem er während der
Ausbildung gestrebt hat.
Das viele Üben hat sich schließlich gelohnt.
Diese Absicherung ist auch geradezu überlebensnotwendig angesichts
der kaum hinterfragten Altersbegrenzung von 30–35 Jahren,
welche bei Ausschreibungen von Orchesterstellen zumeist formuliert
wird. Mit weitreichenden Folgen: MusikerInnen müssen danach
trachten, bis zum Alter von 35 Jahren »möglichst hoch
hinauf« zu kommen, d.h. Mitglieder eines künstlerisch
möglichst arrivierten und gut dotierten Orchesters zu werden;
mit Eintritt dieses Alters verlieren sie dann schlagartig die Perspektive
auf einen weiteren Aufstieg und auf eine Instrumentalkarriere außerhalb
ihrer bestehenden beruflichen Position.
Der Abbau von Motivation
Damit stellt sich — und dies nicht nur im schlechtesten Fall
— ein entsprechender Motivationsverlust ein: Für das
bestehende Dienstverhältnis hat man sich ja bereits bewährt.
Dieser Motivationsverlust wird verstärkt, wenn man nicht das
Glück hat, (wie die Mitglieder von Eliteensembles) vorwiegend
Musik zu spielen, die im Einklang mit der eigenen Ausbildung und
den Vorlieben steht und die den körperlichen und emotionalen
Einsatz lohnt. Die permanente Mitwirkung in zweitklassigen Operetten,
»billig fabrizierten« Musicals oder gar im Umfeld minderwertiger
Unterhaltungsmusik hat man ja mit seinen Instrumentalstudium seinerzeit
wirklich nicht angestrebt — sollte man sich dafür auch
noch engagieren?
|
|
| |
Mechanische
Wiedergabe der
Fremdauffassung?
|
|
|
| |
|
| |
Der
Verlust von Befriedigung
All diese Umstände führen zum grundsätzlichen Dilemma:
Bis auf wenige Ausnahmen in Spitzentheatern, -orchestern und -ensembles
sitzen ab dem Alter von etwa 35 Jahren nahezu überall »KünstlerInnen«,
welche eigentlich mehr bzw. Höheres angestrebt hätten,
als sie erreichen konnten. Unweigerlich resultiert daraus ein Gefühl
des »Hängengeblieben-Seins« bis hin zu einer dauerhaften
Frustration.
Derartiges ist sicherlich nicht auf Musiker beschränkt und
gilt auch in anderen Berufsgruppen. Aber im Umfeld eines Orchesters
hat man kaum eine Chance zur Verdrängung bzw. Bewältigung.
Vielmehr wird man an das Gefühl der eigenen Unterlegenheit
gegenüber »Erfolgreicheren«, sofern es sich einstellt,
permanent erinnert: durch die orchestereigenen Hierarchien, durch
welche ein Stimmführer den Tuttistreichern seiner Gruppe ebenso
übergeordnet ist wie die Solobläserin ihren KollegInnen;
durch das Engagement von prominenten Gästen als SolistInnen
eines Solokonzertes, welche vorführen dürfen, was einem
selbst nicht zugetraut wird; durch DirigentInnen schließlich,
welche den musikalischen Ablauf viel weitgehender festlegen dürfen,
als es die eigene Rolle im Verbund erlaubt und als man es ihnen
künstlerisch zugesteht etc.
Dabei akzeptieren Musiker ihren Status bis zu gewissem Grad und
fügen sich der vorliegenden Hierarchie, freilich ihrer eigenen
Einschätzung entsprechend. Solange ihnen das Verhältnis
zwischen der Leistungsfähigkeit einer Person und der ihr zugeordneten
Funktion kongruent erscheint, wird fachliche Überlegenheit
im Allgemeinen toleriert bzw. akzeptiert: Wenn ein Solist tatsächlich
brilliert, wird man wahrscheinlich gegen sein Engagement nichts
einzuwenden haben und durchaus Anerkennung oder sogar Bewunderung
aufbringen. Was aber, wenn bei einer ausgeschriebenen 2. Geigenstelle
ein Kandidat das Rennen macht, welcher die Stimmführerin oder
gar den Konzertmeister übertrifft?
Das setzt dann beide Vertreter ihrer Funktion unter Druck. Die etablierten
Strukturen und Schutzmechanismen sorgen dafür, dass nicht immer
der »Bessere« profitiert.
Soviel zu systemimmanenten Spannungserzeugern. Sie verbinden sich
im Gefüge eines Orchesters mit gruppendynamischen Prozessen,
Sympathien/Antipathien, inneren sozialen Konstellationen bis hin
zu persönlichen Verwicklungen, die einem externen Beobachter
schier unvorstellbar erscheinen. Da kann es durchaus vorkommen,
dass sich die Gattin des Oboisten als Partnerin des Hornisten wiederfindet
oder die Konzertmeisterin in den Armen des Dirigenten »landet«.
Dass der 2. Flötist mit dem 3. schon seit Jahren kein Wort
mehr wechselt, obwohl er nahezu täglich »auf Tuchfühlung«
neben ihm sitzt. Oder dass der 1. Klarinettist den 2. immer wieder
nervt, weil er seiner Wahrnehmung nach im piano permanent etwas
zu hoch intoniert, dies aber bisher noch keiner so richtig beanstandet
hat. Vieles mündet schließlich in der einen, essenziellen
Frage: »Wann endlich erscheint der Dirigent, der damit Schluss
macht?«
|
|
| |
Das Gefühl des
»Hängengeblieben-
Seins«
|
|
|
| |
|
| |
Der Dirigent als »Blitzab«-Leiter?
Bei so vielen potenziellen Quellen zwischenmenschlicher Spannungen
sind die Wünsche an die Verantwortlichen entsprechend hoch.
Der Versuch, die Schranken des eigenen beruflichen Status' durch
übermäßige Erwartungen an die musikalischen Leiter
eines Orchesters zu kompensieren, ergibt sich nicht nur für
frustrierte MusikerInnen quasi von selbst. Für all die angesprochenen
Unstimmigkeiten und Spannungskonstellationen sollte der Chefdirigent
Patentrezepte anzubieten haben. Worin denn sonst wäre die Leistung
dieser Personen zu erblicken, welche es, gemessen an der eigenen
Laufbahn, »leicht« zu haben scheinen: Sie mussten nicht
auf die verlockende Perspektive einer nach oben offenen DirigentInnenkarriere
verzichten und kommen in den Genuss vermeintlich lukrativer Gagen.
Derlei Zugeständnisse erscheinen nur vertretbar, wenn die Erwartung
einer überragenden musikalischen Kapazität durch eine
Persönlichkeit eingelöst wird, die darüber hinaus
noch über außerordentliches psychologisches Einfühlungsvermögen
verfügt. Doch dies ist in der Realität leider allzu selten
der Fall.
Die Fähigkeiten, die einem Dirigenten abverlangt werden, gehen
weit über musikalische Zonen hinaus in psychologische, strategische,
wenn nicht soziale Bereiche. Er müsste das Kräftespiel
innerhalb eines Orchesters perfekt beherrschen, um interne Spannungen
möglichst frühzeitig abfedern zu können oder gar
nicht erst entstehen zu lassen. Allzu schnell kann sonst der Eindruck
entstehen, jemand erdreiste sich allein aufgrund seiner Position,
inhaltliche Entscheidungen zu treffen und musikalische Abläufe
zu bestimmen, ohne mit einer entsprechenden fachlichen Qualifikation
ausgestattet zu sein. Denn diese ist mit jener der Orchestermitglieder
letztlich nicht vergleichbar und damit oft und schnell der Kritik
ausgesetzt: Was wiegt denn eigentlich die Technik des »Taktschlagens«,
die bald jemand beherrscht, angesichts der immensen instrumentalen
Anforderungen, mit denen sich jeder erfolgreiche Absolvent eines
Probespiels seinerzeit gegenüber 40 oder mehr KonkurrentInnen
durchsetzen musste? Die Schlagtechnik des Dirigierens ist in der
Tat verhältnissmäßig schnell erlernt, gemessen an
einem jahre-, wenn nicht jahrzehntelangen Instrumentalstudium. Ist
sie darum nicht eigentlich weniger »wert«?
|
|
| |
Weit über das
Musikalische
hinausgehende
Fähigkeiten
|
|
|
| |
|
| |
Der berufliche Status
des Dirigenten
Der Chefdirigent
… wird von Outsidern zumeist unzutreffend eingeschätzt.
Deshalb seien zunächst einige klärende Anmerkungen über
die Struktur von Orchestern und Theatern gestattet.
An der Spitze eines Orchesters steht, für die Öffentlichkeit
maximal wahrnehmbar, der sog. »Generalmusikdirektor«
einer Stadt – in Österreich zumeist »Musikdirektor«
oder »Chefdirigent«. In der Tat scheinen diese Prädikate
zutreffender, denn der jeweiligen Person sind die Belange des Orchesters
und, sofern dieses dort mitwirkt, auch jene des Musiktheaters unterstellt,
wobei dort der Intendant das letzte Wort beansprucht. Die restlichen
musikalischen Aktivitäten hingegen — das Wesen der musikalischen
Ausbildung etwa, andere, vom Orchester unab-hängige Gruppierungen
etc. — fallen nicht in den Einflussbereich des GMD.
Was die künstlerische Betreuung und Leitung des Orchesters
anbelangt, ist der Orchesterchef jedoch die oberste Instanz. Es
handelt sich um eine berufliche Spitzenposition mit entsprechender
finanzieller Dotierung, abhängig vom Status des Orchesters
und den vorliegenden finanziellen Rahmenbedingungen. Die Berufung
erfolgt in der Regel durch öffentliche Ausschreibungen und/oder
durch Einschaltung von Agenturen, die Entscheidung für einen
bestimmten Kandidaten wird von den zuständigen Kommunalpolitikern
unter Einbindung des Orchestervorstandes und ev. eines Fachgremiums
getroffen. Die Berufung erfolgt in der Regel für 3–5
Jahre mit der Option auf Verlängerung des Vertrages. Soweit
die Norm, von der in konkreten Fall durchaus auch abgewichen werden
kann.
Für den Chefdirigenten gilt zunächst durchaus, was zuvor
aus der Perspektive der Orchestermitglieder geschildert wurde: Das
Gagenniveau liegt deutlich über jenem der MusikerInnen, die
berufliche Perspektive zeigt sich bei ihnen in der Regel nach oben
hin offen. Allerdings steht diesen Vorteilen der (entscheidende)
Nachteil eines beachtlichen Karriererisikos gegenüber. Für
durchaus einige ChefdirigentInnen endet mit ihrer Vertragszeit auch
ihr beruflicher Aufstieg, wenn nicht überhaupt ihre beruflichen
Entfaltungsmöglichkeiten. Um dies möglichst zu verhindern,
sind die Orchesterchefs gezwungen, parallel zu ihrem Engagement
anderweitige Kontakte zu pflegen bzw. Alternativen aufzubauen, um
sich Rückzugsgebiete zu schaffen, in welche sie im »Krisenfall«
ausweichen können. Ordnet man der Gage eines GMDs zum Teil
die Bestimmung als beruflicher »Vorsorge« zu, so fällt
der Vergleich mit den Gehältern der übrigen MusikerInnen
schon wesentlich »verhältnismäßiger«
aus.
|
|
| |
Im Spannungsfeld
zwischen Öffentlichkeit
und Orchester
|
|
|
| |
|
| |
Die
Kapellmeister
Sie sind systembedingt die eigentlichen »Draufzahler«.
Sehen wir hier davon ab, dass es auch unter ihnen verschiedene hierarchische
Ebenen gibt, so gilt für sie alle, dass sich in ihrem Berufsstand
viele Nachteile der kollektiven Gruppen mit jenen der Chefpositionen
vereinen, ohne dass sie von den entscheidenden Vorteilen derselben
profitieren könnten. Anm. 2) Ein
hohes Maß an Fluktuation liegt im Wesen dieser Berufsgruppe,
welche ihren Status zumeist als Einstiegsphase in eine aufstrebende
Künstlerkarriere betrachtet und die zahlreichen Ungereimtheiten
ihrer Situation als »Investition in die Zukunft« vorübergehend
in Kauf nimmt.
Als Assistent des GMD sind sie gleichermaßen individuelle
Künstler und »Zuträger«. Ihr Aufgabenspektrum
reicht von der musikalischen Einstudierung bis zu Verantwortlichkeiten,
die jenen des GMD vergleichbar sind, ohne dass sie in der Öffentlichkeit
annähernd so präsent wären. Ihre Vertragszeit ist
mit einem, seltener mit zwei Jahren bemessen und kann jährlich
um ein weiters Jahr verlängert werden, wobei das Stadium der
Unkündbarkeit frühestens nach dem 10. Jahr des Engagements
eintritt, welches in Folge eher selten erreicht wird, zumal jeder
Intendanten- oder GMD-Wechsel die Kontinuität ihrer Tätigkeit
grundsätzlich in Frage stellt. Die Entlohnung der Kapellmeister
schließlich ist mit jener der Chefdirigenten nicht vergleichbar:
Die Höhe ihrer Gage bewegt sich im unteren Mittelfeld der Orchestertarife.
Somit erweisen sich die Kapellmeister als die augenfälligsten
»Opfer« im orchestralen Umfeld. Sie sind nicht nur die
dankbarsten Ziele der Orchesterkritik, sie stehen dieser aufgrund
ihrer »schizophrenen« Situation (wie sie im Folgenden
dargelegt wird) so gut wie wehrlos gegenüber. Die einzige Chance,
sich dem immer wiederkehrenden Abnützungsprozess zu entziehen,
beruht darin, bereits nach kurzer Zeit zu einem (möglichst
besser gestellten) Orchester zu wechseln und die »Verschleißteile«
ihrer Arbeit den NachfolgerInnen zu überlassen. Nur ganz wenigen
gelingt auf diesem Wege der Aufstieg in annähernd sichere berufliche
Positionen. Die meisten von ihnen verkommen, wenn sie überhaupt
ihre Position zu halten vermögen, zur Freude von Intendanten
zu »billigen« Arbeitskräften.
|
|
| |
Zwischen Künstler
und »Zuträger«‚
|
|
|
| |
|
| |
Der (ein) Fehler im »System«
Als Leiter einer musikalischen Produktion ist ein Dirigent nicht
nur hauptverantwortlich für die musikalisch-inhaltliche Umsetzung,
sondern gleichermaßen für die Steuerung und den Ablauf
des Projektes insgesamt zuständig. In seiner Eigenschaft als
Trainer/Stratege während der Probenphase ist er angehalten,
die Mitarbeiter zu mobilisieren, zu fordern, das »Maximum«
aus den verfügbaren Ressourcen herauszuholen und gegebenenfalls
gegen (durchaus zu erwartende) Ansätze menschlicher Trägheit
anzutreten.
Dieser ist am besten durch Motivationsstrategien zuvorzukommen.
Darin liegt auch tatsächlich die Hauptaufgabe des Dirigenten:
die Musiker aus der Reserve zu locken und sie zu verführen,
das vorgegebene Projekt als das Ihre anzusehen und sich im Dienste
der gemeinsamen Sache zu verausgaben. Je nach Persönlichkeit
und Fähigkeit gelingt es den LeiterInnen in unterschiedlichen
Maßen, ihre Mitarbeiter über kürzere oder längere
Zeiträume hinweg zu mobilisieren. Aber auch die Techniken der
besten Animateure und Strategen unterliegen dem Verschleiß,
sodass in nahezu jeder Beziehung zwischen Orchestermusikern und
ihren Leitern eine Klimaverschlechterung nach spätestens 3–5
Jahren zu erwarten ist — nur den allerwenigsten gelingt es,
eine harmonische Zusammenarbeit über längere Zeiträume
durchzuhalten. Daran ändert auch die Frage wenig, ob die Führungskräfte
ihnen seinerzeit »vorgesetzt« oder ob sie auf Wunsch
des Orchesters selbst engagiert wurden. Der Dirigent steht einfach
auf der »anderen« Seite; indem es seine Aufgabe ist
zu fordern, ist auch irgendwann der Punkt erreicht, an dem Widerstand
nicht mehr vermeidbar ist.
Wächst dieser über die Größenordnung einer
vorübergehenden Auseinandersetzung hinaus, steht der Kapellmeister
seinen Kontrahenten so gut wie schutzlos gegenüber; er ist
auf die Solidarität des Generalmusikdirektors angewiesen. Stehen
dieser möglicherweise selbst unter Druck oder ist das betreffende
persönliche Verhältnis getrübt, kann der Kapellmeister
mit Unterstützung von dieser Seite nicht rechnen. Ohne sie
kann er sich aber einen ernsteren Konflikt eigentlich nicht leisten,
womit eigentlich nur zwei Optionen zur Disposition stehen: Entweder
er nimmt die resultierende existenzielle Bedrohung in Kauf, oder
Leiter versuchen, durch Anbiederung Krisen zuvorzukommen. Ein mit
dem Anspruch des Berufsbildes unvereinbarer Autoritätsverlust
ist die Folge.
Kurz zusammengefasst: Der Kapellmeister muss die Mitglieder des
Orchesterkollektivs führen, ist ihnen aber a priori strategisch
unterlegen. Als Individuum agiert er persönlich exponiert,
ohne nennenswerte Interessenvertreter, sieht sich aber einer starken
gewerkschaftlichen Basis der Kollektive gegenüber. Befindet
er sich nicht in der glücklichen Lage beruflicher Alternativen,
ist er der Gunst/Ungunst von Generalmusikdirektoren, Intendanten
und Orchestervorständen bedingungslos unterworfen.
Den Kapellmeistern gegenüber geht es dem Chefdirigenten scheinbar
wesentlich besser. Doch trifft dies nur zu, wenn das bestehende
Engagement für ihn eine Durchgangsstation auf dem Weg nach
»oben« bzw. eine von mehreren beruflichen Optionen darstellt.
Denn ohne Alternativen steht er genau so unter Druck wie seine Assistenten,
wenn auch vielleicht nicht so kurzfristig und mit etwas bequemeren
finanziellen Reserven. Daraus erklären sich die oft relativ
kurzen Wirkungszyklen von Generalmusikdirektoren und der den uneingeweihten
Beobachter geradezu unseriös anmutende Umstand, dass viele
Dirigenten, die es sich leisten können, gar zwei bis drei Orchestern
gleichzeitig vorstehen. Eine Praxis, die in der freien Wirtschaft
ihresgleichen sucht.
|
|
|
|
| |
|
| |
Äußeres und
inneres Feedback
Eine besondere Erschwernis in ihrer Arbeit liegt für die musikalischen
Leiter in dem Umstand begründet, dass diese kaum je die Gelegenheit
zu kritischen internen Feedbacks erhalten. Wenn auch die allgemein
wahrnehmbaren Reaktionen auf die Arbeit von Dirigenten umso deutlicher
ausfallen: Diese sagen sehr wenig über die tatsächliche
Evaluierung ihrer Leistungen durch die Orchestermitglieder aus.
Die lautesten Akklamationen seitens des Publikums, die spektakulärsten
Kritiken in der Presse bleiben absolut wirkungslos, wenn sie sich
ohne Entsprechung im Musikerkollektiv einstellen. Andererseits können
negative Kommentare in der Öffentlichkeit durchaus Skepsis
schüren und Ausgangspunkte für internen Anstoß bilden.
Es bleibt festzuhalten, dass die positive Wirkung guter Kritiken
keinesfalls die negative Wirkung von schlechten aufwiegt und dass
die einen wie die anderen die internen Vorgänge in einem Orchester
so gut wie überhaupt nicht widerspiegeln (es sei denn, die
Kritiker hätten Zugang zu Insider-Informationen!).
Zu den ziemlich starken Spannungen und Druckverhältnissen des
musikalischen Leiters stehen die abendlichen Stressfaktoren der
Aufführungen noch in zusätzlicher Wechselwirkung; deren
Effekt allerdings muss nicht unbedingt belastend sein, sondern kann
im Gegenteil sogar befreiend wirken. Weniger befreiend erweist sich
allerdings ein oft vorliegender Kommunikationsstau zwischen den
Beteiligten. Positive Wertschätzung von Seiten der Musiker
ist für Kapellmeister nur selten zu erleben, und im Falle von
Kritik suchen sich Klagen zumeist andere Wege als jenen der direkten
Ansprache. Den Dirigenten werden so elementare Voraussetzungen zur
Arbeit an sich selbst vorenthalten. Sie versuchen, den in sie gesetzten
Erwartungen gerecht zu werden und dem Bild eines perfekten Orchesterleiters
zu entsprechen, werden allerdings früher oder später von
zumindest einem Teil der Musiker anders wahrgenommen.
Indem man Einwände häufig nicht geregelt artikuliert und
so verabsäumt, den Adressaten in offener Aussprache die Chance
auf Reaktion und Veränderung einzuräumen, bilden sich
emotionale Blockaden, welche irgendwann zu unkontrollierten Ausbrüchen
bis hin zu Misstrauens-anträgen führen können, in
welchen die Betroffenen nur allzu oft überfordert sind und
möglicherweise überreagieren. Es wäre ein Gebot der
Fairness, derartigen Eskalationen durch einfache Vorkehrungen vorzubeugen.
|
|
| |
Kritik als Voraussetzung
zeitgemäßen Arbeitens
|
|
|
| |
|
| |
Massnahmen zur Verbesserung
Die allerorten anzutreffende Konstellation von Orchestern und ihren
Dirigenten repräsentiert also alles andere als einen Idealzustand.
Nach der Darstellung zahreicher Konfliktpotenziale und der Analyse
unterschiedlicher Spannungsfaktoren stellt sich nun die Frage nach
möglichen Verbesserungen. Hierbei betrachten wir die Problematik
aus zweierlei Perspektiven: Wodurch könnten auf Betriebsebene
Voraussetzungen für ein möglichst spannungsfreies und
entsprechend effizientes Zusammenwirken geschaffen werden, die auch
tatsächlich umsetzbar sind, und wie können einzelne Personen
durch gezieltes Handeln einen Beitrag zur Harmonisierung der Situation
leisten?
Es ist, wie es ist! Ist es das?
Vorab muss man sich eingestehen: Die entscheidenden Konfliktursachen
insgesamt und auf allen Ebenen zu beseitigen ist im Rahmen eines
bestehenden Orchesterbetriebes nicht möglich und wahrscheinlich
nicht einmal im Rahmen der Neugründung eines Ensembles denkbar.
Zu festgefahren sind viele der Strukturen, zu sehr ist die berufliche
Realität in ein überregionales Gefüge eingebunden,
von dem man sich einfach abkoppeln könnte, zu komplex ist der
Mechanismus der Gruppe mit ihren Vertretern aus unterschiedlichsten
sozialen (und oft auch ethnischen) Schichten und Generationen, deren
Zusammenwirken durch entsprechende, durchaus bewährte Vertragsvereinbarungen
gesichert ist. Darüber hinaus ist festzustellen: Auch wenn
der zwischenmenschliche Preis manchmal hoch erscheint — die
Endergebnisse der gemeinsamen Arbeit (also: Konzertdarbietungen
und Opernaufführungen) sind in Summe so gut wie immer überzeugend
und kommen überdies auf sehr ökonomische Weise zustande:
Eine Opernaufführung mit zwei unterschiedlichen Personalbesetzungen
»steht« in der Regel nach sechs bis acht Orchesterproben,
ein Konzert manchmal sogar schon nach drei: Was will man mehr?
Aus einer differenzierten Evaluierung des Systems unter Berücksichtigung
aller direkten wie indirekten Auswirkungen ergäbe sich dennoch
ein Handlungsbedarf. Vor allem dann, wenn man nicht nur die unmittelbaren
Arbeitsresultate berücksichtigt, deren Bewertung im übrigen,
wie eingangs erläutert, stets subjektiv bleiben wird, sondern
wenn man Faktoren wie Arbeitsklima, Mitarbeiterzufriedenheit, berufliche
Stabilität in Verbindung mit Lebensplanung etc. als nicht minder
entscheidende Kriterien betrachtet.
Die folgenden dargelegten und aus den vorangehenden Überlegungen
gezogenen Schlussfolgerungen könnten Ausgangspunkte eines Veränderungspozesses
bilden.
|
|
| |
Harmonien –
nur in der Partitur?
|
|
|
| |
|
| |
Ein erster Ansatz:
die Struktur der Organisation
Industrie- und Wirtschaftsunternehmen werden zunehmend von Teams
gesteuert. Im Theater- und Orchesterwesen wird das Wirken der Musiker
nach wie vor maßgeblich von Einzelpersonen bestimmt. Warum?
Einer der Gründe liegt in der Beschaffenheit von Kunst und
der Charakteristik des europäischen Kunstbegriffs als Ausdruck
individueller und persönlicher Anschauungen. Das bestimmt Rollenbilder
und Erwartungen der Zielgruppe — des Publikums. Und in Verbindung
mit konkreten praktischen Erwägungen heißt das: (Von
Spezialensembles abgesehen — ) Wenn ein Kollektiv über
die Stilistik einer Barockinterpretation etwa oder die Tempowahl
eines Stückes (und all die anderen Parameter) befinden soll,
setzt das nicht nur die Auseinandersetzung aller Beteiligten mit
diesen Fragen voraus (dies erscheint ja in jedem Fall erstrebenswert!),
sondern mündet zumeist auch im langwierigen Prozess einer einheitlichen
Meinungsbildung, was gegenüber herrschenden Verhältnissen
ein Vielfaches der Zeit in Anspruch nimmt und in der Regel zu keinem
wirklich profilierten Ergebnis führt, daher auch von kaum jemandem
gewünscht wird. Misslingt ein derartiges Unterfangen gar, gibt
es zwar keinen »Sündenbock« (ein positiver Effekt!);
allerdings auch keine eindeutig Verantwortlichkeiten und damit kaum
Ansatzpunkte für eine Verbesserung der Situation.
Was die Entwicklung musikalischer Interpretationen betrifft, macht
die Arbeitsteilung in Einzelpersonen mit leitender und Gruppen mit
ausführender Funktion also durchaus Sinn. Das darf freilich
nicht dazu führen, dass sich einzelne Musiker durch getroffene
Entscheidungen »überfahren« fühlen. Der Schlüssel
dazu liegt in der Hand des Dirigenten: Er muss bestrebt sein, die
Partner von seiner Sicht so zu überzeugen, dass diese sein
Konzept unversehens als das ihre betrachten. Das wird zwar selten
zur Gänze gelingen, und darum muss er im Gegenzug grundsätzlich
bereit sein, Impulse seiner Mitwirkenden aufzufangen und zu bündeln.
Dennoch sollte der Grundsatz gelten, dass die Vorgaben des musikalischen
Leiters im Rahmen von Orchesterproben prinzipiell nicht in Frage
zu stellen sind. Dies wird auch generell anerkannt. Aus Gründen
der Arbeitsökonomie ebenso wie der Gruppendynamik wegen ist
dem Bedürfnis der Musiker nach individueller Mitwirkung an
inhaltlichen Konzepten keinesfalls durch breite Diskussionen im
Kollektiv, umso mehr allerdings durch andere Maßnahmen Rechnung
zu tragen, von denen später die Rede sein wird. Im Allgemeinen
gilt der Grundsatz: je höher die Qualität eines Ensembles,
umso eher herrscht Einvernehmen über diese Belange.
Man kann dennoch davon ausgehen, dass ein klares Bekenntnis der
meisten Musiker zu dieser ihrer Rolle im Verbund erst entwickelt
werden müsste. Hier ließe sich sicher einiges zum Positiven
verändern: indem man etwa durch Gespräche Bewusstsein
erzeugt und Transparenz schafft. Professionelle Hilfe von »außen«,
etwa durch unabhängige UnternehmensberaterInnen, könnte
hierbei einen sinnvollen Einstieg bilden. Sie würden mit betroffenen
Personen und Gruppen Kontakt aufnehmen und in Absprache mit »Insidern«
prüfen, welche Charakteristika im Orchesterbetrieb erhaltenswert
erscheinen und welche bewährte Mechanismen aus anderen Organisationen
sich unter Umständen auf das Spezialmodell »Orchester«
übertragen ließen.
Vielleicht liegt in der Kommunikation überhaupt der Schlüssel
zu einem besseren Funktionieren der Dirigenten-Orchester-Konstellation.
In dieser Hinsicht ist darüber nachzudenken, ob in der etablierten
Institution des »Betriebsrates« (in Deutschland: »Orchestervorstandes«)
tatsächlich der adäquateste Kontaktpunkt im Verhältnis
Dirigent-Orchester zu erblicken ist.
|
|
| |
Das Team –
ein geeignetes
Modell?
|
|
|
| |
|
| |
Ein »Fachgruppen-Gremium«
Während nämlich durch den Betriebsrat die materiellen
und arbeitsrechtlichen Interessen der MitarbeiterInnen effizient
vertreten werden, existiert für inhaltliche Belange gewöhnlich
keine entsprechende Schnittstelle zwischen Dirigent und Musikern.
So nimmt es nicht wunder, dass sich Mitglieder des Orchesters immer
wieder ausgeschlossen fühlen, wenn neben interpretatorischen
Fragen auch solche der Programmgestaltung, der Besetzung etc. vom
Orchesterleiter allein entschieden werden. Hier könnte man
Abhilfe schaffen: durch die Berufung von —
gewählten! — Vertretern aller relevanten Instrumentalgruppen,
welche in die Vorarbeit zu den Projekten eingebunden wären
und im Vorfeld auch an relevanten Entscheidungen Anteil nähmen.
Wenn man bei der Zusammensetzung darauf Bedacht nimmt, könnte
daraus im Idealfall ein Führungsteam im Sinne bekannter Unternehmensstrategien
erwachsen: Eine Gruppe von drei bis vier Personen, welche auch unterschiedliche
Team-Typen verkörpern, wäre an den Entscheidungen des
GMD beteiligt, hätte diese allerdings auch weitgehend mitzutragen.
Die letztliche Verantwortung freilich müsste beim Leiter verbleiben.
Der daraus erwachsende Nutzen wäre ein mehrfacher: Orchestermusiker
hätten die Möglichkeit, sich auf diesem Wege auch in inhaltlicher
Hinsicht in das Gesamtunternehmen »Orchester« einzubringen
und mitzugestalten. Dem teilweise herrschenden Gefühl, »der
Zug fahre mit einem davon«, wäre entgegengewirkt und
stattdessen ein Beitrag zu höherer Identifikation der Musikermit
ihrer Arbeit geleistet. Dem Dirigenten hingegen würde sich
eine Möglichkeit zu einem inneren Feedback eröffnen. Als
Vertreter ihrer Instrumentengruppen und Vertraute des »Chefs«
wären die Gruppenvertreter gleichermaßen Berater wie
Ansprechpartner (und im Krisenfall »Klagemauer«) und
könnten auftretende Spannungen oft schon im Vorfeld abfangen,
indem sie Wünsche transportieren, unter ihren Kollegen um Verständnis
(für notwendige Maßnahmen o.ä.) werben oder aber
Kritik konstruktiv an die Führung herantragen. Der Direktor
müsste sich bezüglich seiner vormals alleinigen Entscheidungsbefugnis
zwar etwas zurücknehmen; in der Praxis dürfte dies jedoch
aufgrund der Reputation des Amtes und dem natürlichen Streben
der Beteiligten nach guter Zusammenarbeit keine schwerwiegende Rolle
spielen. Angesichts des Gewinns einer breiten Unterstützung
der eigenen Arbeit durch die Basis wäre der »Machtverlust«
des Dirigenten mehr als aufgewogen.
Klare Rollenprofile
Von einem Druck ausübenden Amtsverständnis sollte ohnehin
keine Rede sein — und in künstlerischen Angelegenheiten
noch weniger als anderswo. Die Anwendung von »Macht«
erübrigt sich dort zunehmend, wo Rollen und Funktionen klar
definiert und damit überprüfbar werden. An einem zeitgemäßen,
modernen Rollenbild und Persönlichkeitsprofil eines Generalmusikdirektors
bzw. von Kapellmeistern sollten die Musiker selbst gemeinsam mit
anderen Hauptverantwortlichen (Theaterdirektion, KommunalpolitikerInnen,
…) mitarbeiten. Daraus würde Betroffenheit, Mitverantwortung
und letztlich die Verpflichtung zu eigenem konsequenten Handeln
entstehen. Vielen Willkürlichkeiten, wie sie allerorts zu finden
sind, könnte so vorgebeugt werden. Indem man etwa Orchestermitglieder,
welche zunächst für das Engagement eines
Dirigenten eintreten und sich nach einigen Jahren wieder gegen sein
Wirken aussprechen, in die Pflicht nimmt, indem man sie zu einer
nachhaltigen Begründung ihres Gesinnungswechsels auffordert!
»Wir nehmen nicht mehr, als wir geben«
Bei der Konkretisierung des Anforderungsprofils einer Spitzenposition
Anm. 3) ist in besonderer Weise auf die
Realisierbarkeit von künstlerischen Ansprüchen zu achten.
Nur allzu oft wird die Suche nach einem Chefdirigenten der lokalen
Szene mit der ebenso illusorischen wie vagen Sehnsucht nach einem
»Muti« oder »Maazel« verknüpft; die
daraus erwachsenden Ansprüche erweisen sich bald als unerfüllbar,
und der Unmut darüber wird auf dem Rücken der lokal verfügbaren
Dirigenten ausgetragen, welche dem Vergleich mit »echten Könnern«,
die man sich nicht leisten kann, nicht standhalten. Damit ist die
Saat für Misserfolg und Frustration gelegt.
Das Wunschbild eines GMD ebenso wie jenes der Kapellmeister muss
mit dem künstlerischen Status des Orchesters und seiner Mitglieder
in Einklang stehen. Von entscheidender Bedeutung ist daher, den
persönlichen Rang und den Stellenwert der eigenen Leistungen
von Anfang an richtig einzuschätzen. Nur so, auf der Grundlage
von Fairness nämlich, kann ein harmonisches Gesamtklima auf
Dauer entstehen. Ein Dirigent, der nicht mit überzogenen Erwartungen
konfrontiert ist, wird jene, die in ihn gesetzt werden, tatsächlich
eher erfüllen können!
Berücksichtigen muss man in diesem Zusammenhang natürlich
auch die Gagenhöhen. Aufgrund der großen Exponiertheit
der Position eines GMD und aufgrund bestimmter Gegebenheiten am
Markt wird das Gehaltsniveau von Orchesterleitern immer signifikant
über jenem von Musikern liegen. Davon war bereits die Rede.
Andererseits ist allerdings festzuhalten, dass die Erfüllung
überzogener Honorarvorstellungen strategisch geschickter Wunschkandidaten
sich längerfristig auf das gesamte Unternehmen eher kontraproduktiv
auswirkt, jedenfalls insofern, als ein allzu großer Abstand
zum Gehaltsniveau der Orchestermusiker automatisch Neid und grundsätzliches
Misstrauen nach sich zieht. Fällt die Wahl auf den »teuersten«
Kandidaten, weil er der beste scheint, ist das nicht a priori auch
längerfristig die »richtige« Entscheidung.
Die Position der Kapellmeister unterscheidet sich in finanziellen
Belangen erheblich von jener ihrer Vorgesetzten. Als Assistenten
der GMD sind sie in der Öffentlichkeit gewöhnlich nicht
annähernd so exponiert; ihnen gebührten somit vertragliche
Rahmenbedingungen, welche zumindest nicht schlechter sind als jene
der Mitglieder von Kollektiven, mit denen sie zusammenarbeiten:
eine (vielleicht nicht absolute, aber doch weitgehend praktizierte)
Arbeitsplatzsicherheit nach einem Probejahr sowie ein Gehaltsniveau,
das mit jenem solistisch exponierter Instrumentalisten vergleichbar
wäre (die Spannweite könnte von Bläsern bis zur Position
des Konzertmeisters reichen). All dies wäre verhältnismäßig
relativ leicht umzusetzen: ohne Eingriffe in bestehende Verträge,
bloß mit dem Einverständnis der Mitarbeiter, welches
die Schaffung eines entsprechenden Bewusstseins freilich voraussetzt.
|
|
| |
Wer vertritt
die musikalischen
Interessen?
|
|
|
| |
|
| |
Abwechslung ja,
aber nicht auf Kosten anderer!
Eine derartige Personalstrategie hätte gegenüber der
herrschenden Praxis allerdings nicht nur Vorteile, sondern auch
Verluste zur Folge, die kompensiert werden müssten. Die Vorstellung,
über längere Zeiträume hinweg »unter«
denselben Dirigenten spielen zu müssen, stellt für viele
Musiker ein Schreckensszenario dar, insbesondere dann, wenn die
Kompetenz ihrer Vorgesetzten, sei es in fachlicher oder charakterlicher
Hinsicht, geringgeschätzt wird. In der Beziehung Dirigent-Orchester
eine Abnützung zu leugnen wäre unrealistisch, und das
Bedürfnis der Instrumentalisten nach Abwechslung ist ein Faktum
und durchaus auch berechtigt. Ihm kann auf verschiedenen anderen
Wegen entsprochen werden.
Gäste
Zunächst durch das Engagement von Gastdirigenten, welche für
Perspektivenwechsel, Vergleich und manchmal auch »frischen
Wind« sorgen. Die Verpflichtung von auswärtigen musikalischen
Leitern hat im Konzertbetrieb Tradition, in Alltag kleinerer Theater
allerdings weniger, in erster Linie aus Kostengründen, die
sich Intendanten an die Vorgabe halten, die vorhandenen Ressourcen
maximal »auszuloten«. Jeder Kapellmeister im Engagement
strebt ja danach, zu dirigieren, sein diesbezügliches Wirken
ist ja auch in seiner Gage enthalten. Wozu sollte man da noch Gäste
engagieren?
Von einem solchen Denken allein sollten sich weder Intendanten noch
Generalmusikdirektoren leiten lassen und vielmehr die positiven
Auswirkungen musikalischer »Tapetenwechsel« in ihre
Besetzungspolitik miteinbeziehen.
»Fremdgehen«
Im Gegenzug sind auch »Ausbrüche« der Orchestermusiker
aus ihrem Alltag zu fördern. Gastspiele in fremden Ensembles
sind grundsätzlich zu begrüßen, wie überhaupt
alle Anlässe zur musikalischen Selbstverwirklichung durch Karenzmöglichkeiten,
Teilverpflichtungen o.ä. unterstützt werden müssten.
Auch vor (kleinen!) Mehrkosten, die in solchen Zusammenhängen
entstünden, sollte eine Direktion nicht zurückschrecken:
Diese kämen in Form von Engagement, Zufriedenheit und Idealismus
(auch anderer Musiker — Beispielwirkung!) in vielfacher Form
zurück.
Die Gefahr eines Missbrauchs derartiger »Privilegien«
dürfte aufgrund der im Allgemeinen sehr ausgeprägten Selbstkontrolle
von KollegInnen de facto zu vernachlässigen sein, vor allem,
wenn ein entsprechendes Vertrauensverhältnis zwischen den Orchestervertretern
und Chefdirigent herrscht.
|
|
| |
Abnützung
als Tor zur
Abwechslung?
|
|
|
| |
|
| |
Kammermusik
Eine besondere Bedeutung in jedem Orchester fällt Kammermusikprojekten
zu. Im Bemühen um Abwechslung und auf der Suche nach Gegenmitteln
zum fast zwangsläufig einsetzenden Energie- und Motivationsverschleiß
im Orchesteralltag kommt ihnen eine Schlüsselfunktion zu. Sie
sind durch Dirigenten nicht nur zu ermöglichen (oder gar zu
nur dulden), sondern aktiv durch eine entsprechende Programmpolitik
zu fordern und zu fördern.
Für die Mitwirkenden repräsentieren Kammermusikprojekte
nicht nur ein Forum musikalischer Selbstverwirklichung, auf welchem
sie persönlichen Erfolg und Anerkennung ernten können,
sondern sie stellen gleichermaßen eine »lebenswichtige«
Herausforderung und Chance dar, sich ohne »Anweisungen«
von außen oder sonstige Betriebszwänge musikalisch auf
individuelle Weise auszudrücken. So, wie es seinerzeit von
jedem Orchestermitglied in Rahmen seiner Ausbildung gefordert wurde!
Solisten vor dem Kollektiv
Eine besondere Form für Musiker, ihr Können repräsentativ
zu exponieren, eröffnet sich durch Aufführungen von Konzerten
für Soloinstrument(e) in Begleitung des Orchesters, wie sie
in standardisierten Konzertprogrammen ohnedies laufend zu finden
sind. In der gängigen Praxis bedient man sich bei der Suche
nach (mehr oder weniger) reputierten Solisten hierbei in der Regel
etablierter Agenturen und kommt so ins »Geschäft«
(und Gegengeschäft?!). Wären aber diese Veranstaltungen
nicht der ultimative Anlass für (besonders ehrgeizige) Orchestermusiker,
ihr Können zu exponieren und ihre künstlerischen Kapazitäten
unter Beweis zu stellen? Dies geschieht zwar ab und zu, in Summe
aber viel zu selten.
Im Glauben, musikalische »Zugpferde« anlocken zu müssen,
konfrontieren GMDs ihre Musiker regelmäßig mit Vertretern
ihres Standes, die »es geschafft haben«, und machen
sich damit, wenn auch wohl nicht willentlich, für den Verlust
von Selbstwertgefühlen ihrer Mitarbeiter mitverantwortlich.
Die befruchtende Wirkung von Konzerten mit Berufssolisten oder gar
Stars entfaltet sich um ein Vielfaches in eigens dafür bestimmten
Konzerten und unabhängig vom Wirken lokaler MusikerInnen.
Solisten-Orchesterkonzerte sollten im Prinzip ansässigen Künstler
vorbehalten bleiben und ins Innere einer Stadt oder einer Region
wirken. Freilich ist nicht jeder professionelle Musiker, ob im Orchester
oder nicht, berufen zur solistischen Darbietung. Aber wie anspornend
könnte es doch sein, durch eine Art internen »Wettbewerb«
oder durch andere geeignete Auswahlverfahren einen Teil der Konzerte
jenen heimischen Künstlern zugänglich zu machen, welche
sich dafür interessieren. Und damit auch den Musikern aus den
eigenen Reihen eine Chance auf Entfaltung ihres Könnens und
ihrer Persönlichkeit zu bieten.
|
|
| |
Die »therapeutische«
Aufgabe von
Kammermusik
|
|
|
| |
|
| |
Zuletzt: Eingriffe ins System
wider den »Trott«?
Die Übertragung exponierter Verantwortlichkeiten im Großen,
wie es die Interpretation eines Solstenparts in einem Konzert darstellt,
könnte auch in unscheinbarerer Form eine Entsprechung finden:
indem man die fixe Rollenverteilung im Orchester zur Diskussion
stellt und bei mehrfach vertretenen Instrumenten anstehende Aufgaben
und Verantwortlichkeiten auch abseits der vorgegebenen Hierarchie
zuordnet. Das heißt konkret: dass beispielsweise auch ein
Streicher der hinteren Pulte gelegentlich vorne sitzen sollte.
Wenn die im folgenden angedachte Vision einer turnusartigen Rotation
innerhalb von Instrumentengruppen des Orchesters entgegen gängigen
Praktiken darauf abzielt, möglichst allen Orchestermitgliedern
von Zeit kleine solistische Aufgaben zu übertragen, so ist
offensichtlich, dass es sich dabei im Rahmen eines bestehenden Betriebes
um die am schwersten umsetzbaren Veränderungen handelt, die
bisher diskutiert wurden. Daran ändert auch der Umstand nichts,
dass es um gar nicht besonders spektakuläre Herausforderungen
ginge. Aber im Unterschied zu allen bisher angesprochenen Impulsen
wären hierbei bestehende Dienstverhältnisse und Verantwortlichkeiten
betroffen. Wenn es darum geht, dass in einem Orchester jeder auf
seinem, ihm bestimmten Stuhl Platz nimmt, um das nur ihm zugedachte
Notenblatt in Töne zu verwandeln, so hat dies nicht nur mit
Verträgen, tariflichen Einstufungen und Arbeitspensen, sondern
ebenso mit Berechenbarkeit, Verlässlichkeit und Leistungsvermögen
jedes einzelnen Menschen zu tun. Während sich manche Musiker
an »hinteren« Pulten über einen Wechsel in der
Gruppe freuen würden, haben sich andere Mitglieder des Orchesters
an ihre Perspektive gewöhnt und empfänden die »Beförderung«
von einem Begleit- zu einem Solopart als unrechtmäßige
Belastung, wenn nicht sogar als Bloßstellung.
Unterschiede bezüglich der Leistungsfähigkeit gibt es
in jedem Orchester, und die entsprechenden Rahmenbedingungen dafür
sind für das Funktionieren des Betriebes auch unerlässlich.
Nicht (mehr) so leistungsfähigen Mitarbeitern oder solchen,
die nach Jahren der Bewährung Stressfaktoren abbauen möchten,
darf man (in gewissem Ausmaß) Rückzugsgebiete in der
Tat nicht verwehren. Somit haben diese grundsätzlich ihre Berechtigung.
Sind feste Nischen und Spezialaufgaben andererseits institutionalisiert
(etwa nach dem Motto: »Während die 1. Flötistin
schöne Melodiebögen erzeugt, ist der 2. ein >optimal<
auf der Altflöte«), führt dies auf Dauer zu künstlerischer
Stagnation und letztlich zur befürchteten Verkrustung des Systems.
Was kann ein Orchesterleiter tun, der hier etwas bewegen will?
Die Vision einer Orchesterstruktur ohne feste Positionen, in der
Annahme eines durch alle Mitglieder hindurch praktizierten Rotationsprinzips,
lässt sich in der Tat nur im Rahmen der Neugründung eines
Ensembles verwirklichen. Nur unter solchen Voraussetzungen ist es
vorstellbar, bei jedem Konzert (oder sogar bei jedem Werk!) die
Musiker Plätze und damit Rollen tauschen zu lassen und damit
die Rahmenbedingungen für maximale Kollegialität und persönlichen
Einsatz eines jeden einzelnen zu schaffen. Eine derartige Praxis
setzt entsprechende Verträge voraus und müsste bereits
im Stadium von Probespielen berücksichtigt werden. Beispiele
für derartige Organisationsformen finden sich allerdings nahezu
ausschließlich außerhalb von städtischen Symphonieorchestern,
zumeist im näheren Umfeld oder innerhalb der sog. »freien«
Szene.
Das heißt aber nicht, dass in institutionalisierten Orchestern
keine diesbezüglichen Impulse gesetzt werden können. Mit
großem Einfühlungsvermögen und in Zusammenarbeit
mit dem Beratergremium kann ein Chefdirigent, wenn er diesbezügliche
Ambitionen ortet, in Teilbereichen eine gewisse Beweglichkeit bewirken
und Musiker zum Perspektivenwechsel animieren. Zunächst vielleicht
in Repertoirevorstellungen von Opern, wo sich dies in bestimmtem
Umfang ja oft schon von selbst ergibt. Vielleicht ließe sich
der Konzertmeister vom Charme einer Operette verführen, auch
wenn seine dortige Mitwirkung bei seinem Engagement ausgeschlossen
wurde?
Keinesfalls darf der Eindruck entstehen, etwas den Musikern aufbürden
zu wollen — sie würden sich sofort auf ihre vertraglichen
Verpflichtungen zurückziehen, und der Leiter hätte »verloren«.
Nur, wenn es ihm gelingt, in den Mitarbeitern selbst den Wunsch
nach Veränderung zu wecken, wird er die Früchte ihrer
Abwechslung ernten können.
|
|
| |
In Kreisbewegungen
in die Zukunft?
|
|
|
| |
|
| |
Einheit oder Unterschied?
Zum Abschluss noch ein kühner, weil der orchestralen Realität
völlig widersprechender Gedanke:
In jedem Orchester ist man auf der Suche nach einheitlicher Spielweise
und Klang. So glaubt man, darauf beim Engagement von Musikern in
besonderer Weise Bedacht nehmen zu müssen, indem man sich für
Kandidaten entscheidet, welche nicht nur gut ihr Instrument beherrschen,
sondern sich darüber hinaus auch möglichst gut einzufügen
verstehen. Alle drei Flötisten müssen ja, was Klangcharakteristik
und vibrato betrifft, aufeinander abgestimmt sein.
Aus der Erkenntnis, dass die effizientesten Teams in der Regel nicht
aus gleichartigen Mitgliedern zusammengesetzt sind, erhebt sich
allerdings die Frage, ob in einem Orchester, das sich nicht als
ausgesprochenes Spezialensemble versteht (»Wiener Klang«
o.ä.), dieses Denken zu den harmonischesten Ergebnissen führt.
Wenn auch extreme Abweichungen in Spielweise tatsächlich unbrauchbar
sein dürften — wäre ein bewusstes Bekenntnis zu
Individualität und klanglicher »Buntheit« bei Berufungsverfahren
nicht auch ein echtes Argument? Würde man mit der heterogenen
Zusammensetzung entsprechender Instrumentalgruppen nicht auch jeweilige
Spezialisten für unterschiedliche Literatur finden? Einem fähigen
Orchesterleiter müsste doch zuzutrauen sein, aus den verschiedenartigen
Beiträgen der Musiker (sofern sie nicht allzuweit voneinander
abweichen) ein einheitliches Ganzes zu formen.
Wollte eine musikalische Führungspersönlichkeit derartige
Ideen in einem Probespielverfahren einbringen, müsste sie bei
den verantwortlichen Mitarbeitern gezielt im Vorfeld dafür
Verständnis schaffen, indem sie ihre Standpunkte erläutert
und zu überzeugen versucht. Der bloße Wille zur Veränderung
eines (zumeist vorübergehenden!) Autoritätsträgers
wird, zumal es sich um langfristige Entscheidungen handelt, hier
nicht viel auszurichten haben.
|
|
| |
Individualität
und Autorität
|
|
|
| |
|
| |
Zum allgemeinen Führungsstil
In dieser Situation gilt im besonderen, was im allgemeinen den
Führungsstil eines Orchesterleiters prägen sollte: Insbesondere
dort, wo Gewohnheiten, Privilegien, Bewährtes in Frage gestellt
wird, ist mit Widerstand zu rechnen. Ein solcher ist möglichst
vorherzusehen und im Vorfeld eines sich anbahnenden Konfliktes abzuwenden.
Durch persönliche Ansprache mit Betroffenen lassen sich viele
Missverständnisse im Vorfeld ausräumen und andererseits
Verständnis für eigene Standpunkte aufbauen.
Zu keinem Zeitpunkt seines Wirkens sollte ein Generalmusikdirektor
über die Musiker zu »bestimmen« versuchen. Es muss
immer berücksichtigt werden, dass es sich bei ihnen um eine
beträchtliche Zahl von hochspezialisierten Individualkräften
handelt, welche einen angemessenen Respekt beanspruchen, obwohl
sie im Kollektiv agieren. Diesen Respekt auszustrahlen und gleichzeitig
eine Richtung vorzugeben ist Aufgabe und Herausforderung des Dirigenten.
Um die Balance zu finden zwischen selbstsicherer Bestimmtheit, ohne
dass diese als Sturheit verstanden wird, und flexibler Anpassungsfähigkeit
an andere als die eigenen Bedürfnisse, ohne dass dies wiederum
als nachgiebige Inkonsequenz gilt — dafür gibt es allerdings
kein Patentrezept.
|
|
|
|
| |
|
| |
1)
Über aus heutiger Sicht kaum zu glaubende derartige Vorfälle
gibt es nicht nur unzählige Anekdoten, sondern tatsächlich
Tondokumente, welche die außerordentlichen Autoritätspraktiken
der genannten Dirigenten belegen. Sie stellen wichtige Zeugnisse
für Ausnahmeerscheinungen dar und sind nur durch besondere
Konstellationen erklärbar: zum einen die singulären künstlerischen
Persönlichkeiten, zum anderen das an autoritäre Stile
»gewohnte« gesellschaftliche Klima der Nachkriegszeit
mit entsprechend höherer »Schmerzschwelle«, sowie
im Falle Toscaninis entsprechend attraktiveTonträgerprojekte
in Zusammenhang mit der für ihn ins Leben gerufenen »Marke«
des NBC Symphony Orchestra.
zurück zum text
2)
Ähnliches ist auch von den anderen Individualkünstlern
ohne wirkungsvolle gewerkschaftliche InteressensvertreterInnen an
Theatern zu sagen: Sängern, Schauspielern etc.
zurück zum text
3)
Hier ist nicht ein bestimmter Ausschreibungstext, sondern das Rollenverständnis
der Mitarbeiter gemeint!
zurück zum text |
|
|
|
| |
|
|
|
|
| |
|
|
|
|