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Unterhaltung
als Herausforderung
Zur kritischen Urtextausgabe von
Carl Millöckers »Der Bettelstudent«
[ 2001 ]
In einer Zeit, in der kulturelle und historische
Forschungsarbeit mit wissenschaftlichem Anspruch in einem Maße
geleistet wird wie nie zuvor, nimmt es wunder, dass mit einer Gattung,
die in jeder Beziehung dem Bereich der Kunstmusik zuzuordnen ist,
so unkritisch, ja achtlos und zuweilen sogar fahrlässig umgegangen
wird, wie dies an vielen Theatern und Opernhäusern der Fall
ist. Die Rede ist von der Operette, genauer gesagt von
der Operette des 19. Jahrhunderts.
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Die Operette
des 19. Jahrhunderts
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Die Hauptschuld an dieser
bedauerlichen Praxis ist wohl in erster Linie der Operettenindustrie
zu Beginn des 20. Jahrhunderts anzulasten, die das Genre zum Inbegriff
einer reinen Kommerzproduktion verkommen ließ. Mit der Begründung,
die alten Werke dem aktuellen Geschmack anpassen zu müssen,
machte man sich an die Bearbeitung erprobter Repertoirestücke
heran; auf der Grundlage des eben erst etablierten Urheberrechts
erschlossen sich so Regisseure wie Arrangeure profitable Einnahmequellen.
Die ursprüngliche Charakteristik der Operetten und damit ihre
Identität wurden durch die Ästhetik der Zwischenkriegszeit
verdeckt; ein geschmackliches Wirrwarr, das seinerseits sehr schnell
an Aktualität verlor, war die Folge. Auf diesem Degenerationsprozess
gründet der auch heute noch weitgehend unangefochtene Ruf der
Operette als »billiges Unterhaltungstheater« gesellschaftlicher
Mittelschichten.
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Das Genre als Inbegriff
einer reinen
Kommerzproduktion?
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Mit der kritischen Urtextausgabe
von Millöckers bedeutendster Operette soll nun ein Signal gesetzt
werden, das zu einem verantwortungsvollen Umgang mit der Operette
des 19. Jahrhunderts aufruft. Zum ersten Mal werden hiermit eine
vollständige Partitur des Werkes und das dazugehörige
Aufführungsmaterial in Druck vorgelegt (!), und dies in einer
kritischen Urtextausgabe mit umfangreichem Kommentar und allen derzeit
auffindbaren Ergänzungen und Varianten. Neben sämtlichen
bisher bekannten Nummern der Operette wurden folgende Stücke
erstmals veröffentlicht:
• eine nachkomponierte Ouvertüre
• ein (musikalisch äußerst bedeutungsvolles) Duett
Symon-Jan (Nr. 10)
• zwei originale, nachkomponierte Mazurken (welche hoffentlich
in Zukunft die oft als Einlage verwendete, stilfremde Mazurka aus
Léo Délibes Coppélia [!] ersetzen
werden....)
• eine umfassende Erweiterung des 3. Finales (Ensemble Nr.
17 und Quartett Nr. 18) und damit verbunden eine deutliche Aufwertung
des dramaturgisch bisher »unterbelichteten« 3. Aktes
• das komplette Zensurtextbuch mit zahlreichen bisher unzugänglichen
Texten und Szenen
• eine nachkomponierte Harfenstimme
• zwei nachkomponierte Nummern in französischer Sprache
(!) für eine Aufführung in Brüssel (Invocation
et Couplets und Romance)
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Verantwortungsvoller
Umgang mit
der Operette
des 19. Jahrhunderts
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Die Wiederentdeckung des
Duettes Nr. 10 (Symon/Jan) und vor allem der ursprünglichen
Gestalt des 3. Aktes ist in verschiedener Hinsicht bedeutsam: Nicht
nur, dass jetzt unentbehrliche musikalische Bezüge wiederhergestellt
wurden, die in der Uraufführungsproduktion im wahrsten Sinne
des Wortes dem Rotstift Millöckers zum Opfer gefallen waren
(etwa der bisher »verwaiste« Beginn der Introduktion,
der seine musikalische Entsprechung nun in Nr. 10 und in Nr. 18
findet), auch inhaltlich präsentiert sich der 3. Akt nicht
mehr wie in so vielen anderen Operetten als unliebsames Anhängsel,
sondern als gewichtiger Teil, durch welchen die ursprünglichen
Proportionen wiederhergestellt sind. Durch Nr. 10 und das »neue«
alte Finale wird die politische Ausrichtung der Operettenhandlung
aufgewertet (wenn nicht in den Mittelpunkt gestellt), wodurch die
gesellschaftliche Brisanz des Geschehens vor dem Hintergrund des
19. Jahrhunderts (Emanzipation der nationalen Minderheiten!) voll
zum Tragen kommt. Darüber hinaus lässt sich im Vergleich
mit der Urfassung die bisher etablierte Variante definitiv einschätzen:
Ihr kommt weniger der Stellenwert einer Alternativfassung als vielmehr
jener einer »Schmalspurlösung« zu. – Insgesamt
ist mit der Neuedition des gesamten originalen Materials nun eine
nicht nur musikalisch, sondern auch dramaturgisch überzeugende
und konsequente Fassung zugänglich, durch welche die ursprüngliche
Konzeption der Operette endlich zum Vorschein gelangt.
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Der 3. Akt
als unliebsames
Anhängsel?
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Der Bettelstudent
im Kontext
seiner Entstehungszeit
Wenn Kunst Ausdruck historischer und gesellschaftlicher Wirklichkeit
sein sollte, wenn Realitätsbezug, und sei es nur durch die
Person des Autors, einen Maßstab für künstlerische
Qualität bildet, so löst Millöckers erfolgreichste
Operette diesen Anspruch auf vollkommene Weise ein. Das ist alles
andere als selbstverständlich im Rahmen einer Gattung, deren
oberstes Ziel nur wenige Jahrzehnte darin bestand, das Publikum
in eine »bessere« Wirklichkeit zu entführen. Auch
wenn Merkmale des Illusionstheaters von Anfang der Operettenentwicklung
an erkennbar sind, ging es in den Werken der sog. »goldenen«
Operette anders als in jenen des 20. Jahrhunderts nicht um Realitätsverweigerung
und -verdrängung, sondern um den Versuch, Problemen der Gegenwart
mit den Mitteln der Ironie und des Humors (bei Offenbach gar der
Satire) zu begegnen und ihnen auf diese Weise die Spitze zu nehmen.
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Kunst als Ausdruck
historischer und
gesellschaftlicher
Wirklichkeit
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Freilich wurden damit
auch die Operetten des 19. Jahrhunderts Teil jenes Verdrängungsmechanismus,
welcher als Folge der gescheiterten Revolution von 1848 das städtische
Bürgertum erfasste. Diesem war mit der Konsolidierung der Monarchie
die Perspektive auf gesellschaftlichen Aufstieg abhanden gekommen,
und das einstige Revolutionspotenzial wich einem unbestimmten Gefühl
der Resignation, welches einer bereits jahrhundertealten (österreichischen)
Tradition entsprang. Im Bereich der Operette fand diese Resignation
vor allem in Gestalt illusionistischer Sujets und der so typischen
melancholischen Melodienseligkeit zu künstlerischem Ausdruck.
Wenn diese bei Johann Strauß
mehr noch als bei Carl Millöcker den Motor der musikalischen
Erfindung bildete, so war bei der Uraufführung des Bettelstudenten
die Erwartung melodischer Aussage immerhin groß genug, um
in der Presse ausdrücklich hervorgehoben zu werden: »Millöcker
ist einer der besten, frischesten Wiener Operetten-Musiker. Er hat
Walzer geschrieben, welche in die Welt gegangen wären, stünde
der Name Strauß auf dem Titelblatte.« Anm. 1)
Und anderswo: »Seine Musik — leider nur etwas zu viel
Musik — ist melodiös, sangbar leicht und anspruchslos.«
Anm. 2)
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Die gescheiterte
Revolution von 1848
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Mit diesen
Attributen ist die Stillage der Operette klar umrissen. Dass Millöcker
nicht in den Sog der Oper geraten war, wurde — vielleicht
mit einem Seitenblick auf Strauß — in der zeitgenössischen
Kritik anerkennend gewürdigt: »Im Bettelstudent
hat er sich von dem Großopernwahne befreit. Die Operette läuft
als solche geradeaus von der ersten bis zur letzten Nummer.«
Anm. 3) Wenn auch wie hier immer wieder
ein ausgeprägtes Gattungsbewusstsein zutage tritt, wenn die
Wirkungsbereiche von »Ernster« und Unterhaltungsmusik
zur Zeit Millöckers schon aufgrund unterschiedlicher Spielstätten
und Publikumsstrukturen relativ klar definiert waren, die Grenzen
waren durchlässig. Das wird angesichts der musikalischen Qualität
des Bettelstudenten besonders deutlich: Es handelt sich
um hinreißendes musikalisches Unterhaltungstheater, das in
jene Lücke stieß, welche nach der Verdrängung der
komischen Oper durch Wagners Musikdramen entstanden war.
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Im »Bettelstudent«
hat sich Millöcker
vom Großopernwahn
befreit
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Die Wiener Operette des
19. Jahrhunderts wurzelt denn auch in Lortzings, Rossinis und Donizettis
Opern — nicht zufällig ist die Orchesterbesetzung (und
somit die Klangvorstellung) im Bereich der klassischen Operette
mit jener der italienischen Opernkomponisten identisch. Diesen ist
ebenso wie Millöcker auch die Eigenart gemein, einfache Melodien
»gegen den Strich zu bürsten«. Durch unerwartete,
synkopenartige Akzente auf unbetonte Taktteile etwa werden beharrlich
immer wieder kleine Irritationen geschaffen, die zwar nicht verstören,
weil sie dem Zuhörer zumeist unbewusst bleiben. Aber durch
sie werden simple melodische Floskeln, nicht selten im Duktus von
Gassenhauern, der Banalität entrissen. Millöcker schuf,
wie auch etwa der junge Verdi, eingängige Melodien —
darauf gründet seine Volkstümlichkeit. Doch darüber
hinaus war er energisch bemüht zu verhindern, dass durch unreflektierte
Wiedergabe »aus dem Bauch« seine Musik ins Sentimentale
oder gar Vulgäre kippen könnte, ja er hat geradezu mit
Fanatismus alle einer vordergründigen Popularität verdächtigen
Passagen (typischestes Beispiel: Ollendorfs »Schulterkuss«)
mit Staccato- bzw. Portato-Punkten versehen und so zur Kunstmusik
angehoben.
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Die Wiener Operette
des 19. Jahrhunderts
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Gepaart
sind diese Artikulations- und Phrasierungsweisen mit Humor und Witz;
dadurch verstand Millöcker seine Zuhörer von der ersten
Aufführung an in seinen Bann zu ziehen. »Der Komponist
des Bettelstudenten ist in seinem musikalischen Wesen ein
Vollblut-Wiener und kaum daß er sich's versieht, sitzt ihm
der Schalk, der gerade in der Musik so launig zu sein versteht,
im Nacken. Manchmal scheint es, als wolle Millöcker diesen
Schalk von sich verjagen, aber es geht nicht; flugs ist er wieder
da, und dann hat Millöcker die schönsten und glücklichsten
Inspirationen.« Anm. 4)
Zusammen mit slawischem Lokalkolorit und dem bei
der Uraufführung vielbeachteten Ausstattungsaufwand —
im Umfeld der Donaumonarchie erlangten die folkloristischen Elemente
ähnlich wie drei Jahre später beim Zigeunerbaron
eine integrative Bedeutung von geradezu politischer Dimension Anm. 5)
— bildete diese humoristische Grundhaltung die Voraussetzung
für den von der ersten Stunde an einsetzenden großen
und nachhaltigen Erfolg. Ein solcher — für das unsubventionierte
Theater an der Wien mitunter eine Überlebensfrage! —
erscheint umso bemerkenswerter angesichts offensichtlicher Schwierigkeiten
im Zuge der Premierenvorbereitungen, welche sogar die Verschiebung
der Uraufführung nötig machten, und angesichts des improvisiert
umgemodelten und in dieser Fassung bis heute nicht restlos befriedigenden
3. Aktes. Wenn man die Operette als ganzes betrachtet, wird er freilich
vollends verständlich: als Reaktion auf ein Werk, das auch
heute noch auf verschiedenste Weise rezipiert werden kann, sei es
als unverbindliche Liebeskomödie, sei es als hintergründig
unterhaltsames Bühnenspiel, dessen gesellschaftliche Inhalte
brisanter waren, als sie schienen.
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Da mochte dem Zuschauer
von 1882 die Flucht ins 18. Jahrhundert noch so stark zeitliche
Entrücktheit vorgaukeln, mit ein wenig Hellhörigkeit vermag
man auch heute noch die Aktualität des Themas zu spüren:
Es geht um Okkupation, um Imperialismus und kriegerische Unterdrückung.
Dass dies alles gar nicht harmlos ist, spürt der aufmerksame
Zuhörer am Ende, wenn Symon beiläufig und fast frech hinträllert:
»Befreit das Land, geknüpft das Band, ein kühnes
Spiel bracht’ uns ans Ziel«, und wenn im übrigen
durch den ganz und gar unglaubwürdigen Deus-ex-machina-Schluss
die Illusion einer Lösung der Krise ironisch hinterfragt wird.
Freilich »spielte« sich dies alles in einem fernen Land
ab. Die Wiener von 1882 brauchten sich nicht zu beunruhigen: Der
»Schlag ins Gesicht« galt einem Deutschen und keinem
k.u.k. Offizier… Trotz dieser Konzession an die Zensur aber
ist der Adressat klar. Angesichts der Expansionspolitik des österreichischen
Kaiserregimes mutet die heitere und unterhaltsame Behandlung einer
an sich tragischen Situation, wie es die Besetzung einer Stadt durch
ein feindliches Heer nun einmal ist, fast makaber an.
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Flucht ins
18. Jahrhundert
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Gerade darin aber liegt
(in inhaltlicher Hinsicht) die wirkliche Qualität dieses Meisterwerkes.
Hinter der blitzenden Fassade zündender Musik, hinter dem polterndem
Klaumauk des Ollendorf verbirgt sich eine provokante Kraft, die
dem Widerspruch zwischen der Tragweite des Konfliktes einerseits
und der Stilebene seiner Abhandlung andererseits entspringt. Ähnliches
findet sich — später — im Kabarett wieder, einer
artverwandten, freilich ungleich engagierteren Plattform unterhaltsamer
Gesellschaftskritik. Für die Operette jener Zeit hingegen bleibt
der Unterhaltungswert bestimmend, er bildet den rhetorischen Rahmen,
und wir müssen den Komponisten dankbar sein, wenn sie ihn respektiert
haben. Denn er war der Garant für die Echtheit, die Ehrlichkeit
ihrer Werke. Gerade durch ihr Bekenntnis zur Gattung sind die Operetten
von Strauß, Millöcker, Suppè und Offenbach im
Gegensatz zu den dekadenten Emanzipationsbestrebungen späterer
Operettenkomponisten auch heute noch glaubwürdig.
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Hinter der
blitzenden Fassade
zündender Musik
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Dennoch gilt es, hinter
der oft vordergründigen Komik einerseits und dem zündenden
musikalischen Temperament andererseits mehr zu erblicken als einschlägige
Unterhaltungsmerkmale und bloßes Ornament. Akzente, Synkopen,
Hemiolen, chromatische Alterationen, Staccato und Portato —
sie alle wären zu begreifen als Reste jenes subversiven sozialen
Protests, welcher auf das realpolitisch glaubwürdige Maß
eines Champagnerprickelns geschrumpft ist. Mag sein, dass man die
ursprüngliche Zielsetzung aus den Augen verloren hatte —
erkennen wir all diese Elemente als Ausdruck einer provozierenden
Grundstimmung, so erweisen gerade sie sich als ausschlaggebendes
Gegengewicht jenen aufkeimenden sentimentalen Tendenzen gegenüber,
welche in so vielen späteren Operetten, nie aber in jenen des
19. Jahrhunderts die Oberhand gewinnen. Ihre Bedeutung für
die Interpretation kann gar nicht genügend hervorgehoben werden.
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Reste des
subversiven
sozialen Protests
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Das Insistieren auf einer
Portato-Spielweise und die damit verbundene Tendenz zur Transparenz
machen nicht zufällig den entscheidenden Unterschied der Handschrift
Millöckers zu allen bisherigen Ausgaben des Werkes aus. Denn
die dahinter klar erkennbare Intention des Komponisten setzt die
Bereitschaft des Publikums zu einer reflektierten Aufnahme des Werkes
voraus. Als scheinbares Paradoxon wird trotz der mitreißen-den
Wirkung der Musik eben nur »der Fall gesetzt« und stets
eine gewisse Distanz gewahrt. Natürlich ist dies eine
Haltung, die mit dem rundum gepflegten kommerziellen Operettenverständnis
unvereinbar ist. Nimmt man hingegen die Anweisungen des Komponisten
ernst, bleibt die Musik nicht nur gefällig, sondern sie vermag
auch zu provozieren und entspricht somit genau jener zuvor genannten
Charakteristik des Textes, freilich wohl dosiert und stets auf unterhaltsame,
bekömmliche Weise. Damit sind die zwei Grundzüge des Bettelstudenten
formuliert: Die Operette ist unterhaltend, aber nicht nur das. Sie
ist und war auch zeitgemäß. Millöcker gelang
es, die Voraussetzungen für eine breite Publikumswirkung zu
schaffen, ohne künstlerische Ansprüche aufzugeben.
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1)
aus einer Kritik der Uraufführung, Wiener Abendpost
(Beilage der Wiener Zeitung), 7.12.1882
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2)
Neue Freie Presse, 7.12.1882
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3)
Wiener Abendpost (Beilage der Wiener Zeitung),
7.12.1882
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4)
aus einer Kritik der Uraufführung, Neues Wiener Tagblatt,
7.12.1882
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5)
vgl. hierzu die Ankündigung im Neuen Wiener Tagblatt
vom 2.12.1882:
»Im Theater an der Wien ist man eifrig beschäftigt, um
die Ausstattung der nächste Woche zur ersten Aufführung
gelangenden Millöcker'schen Operette Der Bettelstudent
zu vollenden. Im ersten Akte werden die Volksstämme Galiziens,
Podolen, Huzulen, Krakusen, Mazuren, Rußniacken u.s.w. gruppenweise
mit historischer Treue genau so erscheinen, wie diese Stämme
gelegentlich der galizischen Kaiserreise in Krakau vor dem Monarchen
erschienen sind.«
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