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Zu
einer kulturgeschichtlichen Einordnung der Wiener Operette
[ 1989 ]
Die Wiener Operette entstand um die Mitte des 19.
Jahrhunderts. Sie entwickelte sich primär aus zwei Unterhaltungsformen
des Bürgertums: aus dem Singspiel bzw. der komischen Oper einerseits
und aus dem Alt-Wiener Volksstück andererseits. Die Voraussetzungen
für das Entstehen der neuen Kunstgattung bildeten in musikalisch-dramatischer
Hinsicht der »Kurswechsel« der Oper im 19. Jahrhundert,
in politischer Hinsicht die Revolution von 1848.
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Die Geburtsstunde
Die Entwicklung der Oper des 19. Jahrhunderts war im deutschen
Sprachraum vor allem durch die Impulse Richard Wagners geprägt,
der in seinen Werken eine zunehmende Psychologisierung der Figuren
anstrebte, welche als individuelle Charaktere (Leitmotive!) Seelenkonflikte
durchzustehen und zu verkörpern hatten. Wagners
Anliegen hatte zwei Konsequenzen, die sich für die Entwicklung
der Operette als wichtig erwiesen: die allmähliche Verdrängung
des Chors zugunsten der Beleuchtung von Einzelschicksalen (Ring!)
und (in formaler Hinsicht) den Ersatz der Nummernstruktur mit dem
lebendigen Wechsel von Musik und Prosatext durch die Form durchkomponierter,
»bühnenweihfestspielartiger« Ein- bis Zwei-Stunden-Akte. Anm. 1)
Dies war nicht jedermanns Sache. Kein Wunder, dass
das Publikum der Spieloper nach eben jenen Elementen rief, die Wagner
und andere Komponisten aufgegeben hatten.
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Impulsgeber
Richard Wagner
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Oper-ette
Mit der um 1850 einsetzenden Landflucht begann sich das städtische
Bürgertum Wiens auszudehnen. Durch den Zustrom aus allen Gebieten
der Monarchie wuchs Wien zwischen 1840 und 1910 um 259% Anm. 2).
In der Stadt entstanden neue Gesellschaftsschichten, die der Oper
und insbesondere der Entwicklung der Oper in jener Zeit fremd gegenüberstanden
und die ihre eigene Kunst forderten: die Operette.
Die Nachfrage nach traditionellem Unterhaltungstheater war groß,
und - Offenbach konnte sie befriedigen. Der Offenbach-Boom aber,
der 1858 einsetzte, war paradoxerweise gleichzeitig die Geburtsstunde
der Wiener Operette. Der »Wiener« Operette?
Tatsächlich. Denn Offenbachs Werke wurden in deutschen, nein,
in Wiener Übersetzungen (meist von Carl Treumann) gespielt,
wodurch sie viel von ihrer gesellschaftlichen und politischen Sprengkraft
und somit von ihrer ursprünglichen Identität verloren.
»Offenbach kam nach Wien; nicht er, sondern das, was man in
Wien aus ihm gemacht hat, gab den Anstoß zur Entstehung der
Wiener Operette.« Anm. 3) Erst
Karl Kraus hat später in seiner Übertragung die einstige
Aktualität wieder herzustellen versucht.
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Dem Bürgertum
seine eigene
Kunst:
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Gleichwohl,
Offenbachs Werke erlebten in Wien begeisterte Resonanz, füllten
sie doch stilistisch genau jenes Vakuum, das durch den Wandel der
Oper entstanden war. Die neue Kunstform der Operette bot ihrem Publikum
fassliche Nummern und chorischen Glanz. Der Chor rückte wieder
ins Rampenlicht, ja er wurde zum eigentlichen Protagonisten erkoren. Anm. 4)
Die Operette machte sich im Gegensatz zur deutschen
Oper des 19. Jahrhunderts nicht Individualisierung, sondern Kollektivierung
und Popularisierung zu ihrem Anliegen und reagierte damit auf die
wirtschaftspolitische Realität der Zeit: Die anonyme Masse
eines emanzipierten Bürgertums und einer Arbeiterschaft, die
dem Industriekapitalismus einer Minderheit gegenüber zunehmend
auf ihren Stellenwert pochte, fand gerade im Chor eine adäquate
Identifikationsbasis. Anm. 5)
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Offenbach füllt
das Vakuum!
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Revolution - Resignation
– Illusion
Das Scheitern der Revolution von 1848 war die politische Voraussetzung
für das Entstehen der typischen Wiener Operette, die sich so
wesentlich von ihrer Vorgängerin, der französischen Operette
Offenbachs, unterscheidet. War im Alt-Wiener Volksstück Sozialkritik
in Form von Satire, wenn auch durch die Zensur kontrolliert, ein
die Stücke prägendes Anliegen gewesen, so ist in der Wiener
Operette gesellschaftsveränderndes Engagement kaum oder gar
nicht zu spüren. Der Grund für die Abkehr
der Wiener Operette von der Tagespolitik – eine Abkehr, die
für die Gattung bis zu ihrem Untergang typisch bleiben sollte!
– ist in den Ereignissen von 1848 zu suchen: Sie war die Konsequenz
der Zerschlagung der Volksaufstände und der Bekräftigung
der Monarchie durch Kaiser Franz Joseph am 2. Dezember. Anm. 6)
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Das Scheitern der Revolution
als
Voraussetzung für
die Operette
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Die Wiener Operette als
neue Unterhaltungsform des Bürgertums diente nicht der Reflexion,
der Zeitkritik, war nicht mehr, wie noch Nestroys Stücke, Plattform
eines unterdrückten Widerstandes gegen (die staatliche) Autorität.
Im Gegenteil, sie bestätigte die herrschende Gesellschaftsordnung,
indem sie sie zu ihrer erstrangigen Inspirationsquelle machte.
Es konnte nicht mehr länger darum gehen, Standesgrenzen zu
beseitigen; die Vorstellung eines gesellschaftlichen Umbruchs war
1848 schlagartig zerstört worden. Für den Bürger
allenfalls noch vorstellbar blieb lediglich die Idee, diese Standesgrenzen
(durch Heirat, Erbschaft, ...) zu überspringen und so der Welt
des Adels selbst anzugehören: eine Wunschvorstellung des Theaterpublikums,
die durch die Operette großzügig erfüllt wurde.
In der Wiener Operette wird Klassenbewusstsein nicht mehr in Frage
gestellt, sondern im Gegenteil gefördert, indem Kleinbürger
mit der Welt der Adeligen, der Weit also jenseits ihrer eigenen
Standesgrenzen, liebäugeln.
Dass man durch diese Vorgangsweise das Publikum zwar gewinnen konnte,
dem eigentlichen Anliegen des Bürgers aber, seiner Emanzipation,
entgegenwirkte, kam wohl den wenigsten Theaterbesuchern zu Bewusstsein.
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Die Operette:
nicht Reflexion,
nicht Zeitkritik
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Ein deutliches Anzeichen
für die unpolitische Haltung der Wiener Operette ist ihre Forderung
nach einem happy end. Negative Schlüsse waren im Volksstück
vor 1848 durchaus denkbar gewesen, wenn sie auch die Zensur meist
beanstandet hatte. Anm. 7) Mit der
österreichisch-ungarischen Monarchie aber, als Folge eben der
politischen Resignation des Bürgertums, etablierte sich in
der Wiener Operette das Selbstverständnis einer positiven,
»harmonischen« Lösung theatralischer Konflikte.
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Erst mit dem Zusammenbruch
des Habsburgerreiches und des ganzen moralisch-gesellschaftlichen
Systems nach 1918 wurde der plakative Operettenoptimismus wieder
relativiert. Lehárs negative Operettenschlüsse haben
vor dem Hintergrund der Ersten Republik nicht nur die (ohnehin schon
versunkene) Monarchie, sondern auch die Gattung Operette als eine
ihrer populärsten künstlerischen Ausdrucksformen nachdrücklich
in Frage gestellt.
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Operettenoptimismus
auf den Trümmern
des Habsburgerreiches?
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Die Anti-Operetten-Schlüsse
bei Horváth schließlich sind nicht nur Frucht seiner
literarischen Opposition zum Unterhaltungstheater, nicht nur der
Versuch einer Entlarvung von Klischee und Lüge, sondern gleichzeitig
Zeugen eines in der Zwischenkriegszeit gewandelten Moralbegriffs,
der sich von Verhaltensnormen der Monarchie, wie sie die Operette
eben mit ihren happy ends stillschweigend anerkannt hatte,
empfindlich abhebt: »In Umkehrung zum alten Volksstück
[und wohl auch zur Operette!] werden bei Horváth nicht die
Guten in einer guten Welt belohnt und die Schlechten bestraft, sondern
in einer schlechten Welt sind es die Schlechten, die belohnt werden,
und die Guten, die bestraft werden.« Anm. 8)
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Betrieb
die Wiener Operette mit ihrer illusionistischen Märchenwelt
Bewusstseinstäuschung, so war sie doch im 19. Jahrhundert legitimer
Ausdruck ihrer Zeit und hatte als »Kunstgattung einer Gesamtstaatsidee« Anm. 9)
sogar politische Aussagekraft. Der Zigeunerbaron und Polenblut
etwa sind deutliche »Versuche, die antagonistischen Tendenzen
des Vielvölkerstaates auszugleichen« Anm. 9);
Versuche, denen Erfolg beschieden war, da die Operetten aufgrund
ihres Unterhaltungsangebotes sich die Länder der gesamten Monarchie
als Wirkungskreis erschließen konnten.
Die Wiener Operette »nahm sich nicht nur
in zahlreichen Librettos der Thematik der Gesamtmonarchie in ihrer
Pluralität an. Sie repräsentierte auch durch die folkloristische
Vielfalt ihrer Musik alle Völker und Nationalitäten des
Vielvölkerstaates. [...] Die Nationen dieses Reiches fanden
sich selbst in den Operetten wieder und akzeptierten zugleich mit
ihren eigenen auch die fremden' Elemente als die ihren. So wurde
die Wiener Operette zu einer Zeit des Nationalismus tatsächlich
unversehens zu der (einzigen) gemeinsamen künstlerischen Ausdrucksform
der Gesamtmonarchie, mit enormer sozialpolitischer und kultureller
Breitenwirkung und Relevanz.« Anm. 10)
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Kunstgattung einer
Gesamtstaatsidee
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Dies trifft auf die Operette
des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts zu. Durch den Zusammenbruch
der Monarchie erfuhr die Wiener Operette freilich einen Schock,
der sich zwar in der Musik und in den Libretti auf den ersten Blick
kaum erkennen lässt, der aber ihre Identität aufs schwerste
erschütterte. Sie verlor die Basis, die Grundlage dessen, was
sie auszudrücken bestimmt war: die Gesamtmonarchie. Konnte
sich die Wiener Operette in der Ersten Republik nun eine neue Basis
schaffen? War sie in ihre Zeit überhaupt noch integriert? Inwiefern
war die Operette der Zwischenkriegszeit Ausdruck der Gesellschaft,
die sie ansprechen wollte? Wodurch unterscheidet sie sich von der
Operette des 19. Jahrhunderts und warum wird sie jener so häufig
künstlerisch untergeordnet?
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Pluralität in der
Operette
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All diese Fragen werden
im Rahmen des Buches Operette im Ausverkauf geklärt
und darüber hinaus zahlreiche weitere Themenbereiche angesprochen,
die nicht nur die Entwicklung der Operette, sondern die Geisteshaltung
der Zwischenkriegszeit insgesamt umfassend beleuchten: Produktionsmechanismen
der Unterhaltungs-industrie, Realitätsflucht und habsburgischer
Mythos, Erotik und Emanzipation, Exotismus sowie die Kunstideologie
der gesellschaftlichen Mittelschichten und ihrer theatralischen
Entsprechung, der Operettenszene. Dass dies auf durchwegs unterhaltsame
Weise geschieht, ist vorrangig den Operettenlibrettisten und ihren
Büchern zu verdanken, deren Lektüre manchmal ein größeres
Maß freiwilligen und auch unfreiwilligen Humors vermittelt,
als dies die opulenteste szenische Aufführung vermöchte.
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1)
Vgl. Volker Klotz, Bürgerliches Lachtheater.
München 1979/80, S. 208.
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2) Vgl.
Franz Hadamowsky
und Heinz Otte, Die Wiener Operette.
Wien 1947.
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3) Hans
Weigel, Apropos Musik.
Zürich 1947, S. 191.
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4) Vgl.
Volker Klotz, Bürgerliches Lachtheater. München
1979/80, S. 207.
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5) Vgl.
Volker Klotz, Bürgerliches Lachtheater. München
1979/80,
S. 210 und 256/57.
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6)
Vgl. Hartwin Gromes,
Vom Alt-Wiener Volksstück zur Wiener Operette. Diss.
München 1967, S. 52.
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7) Vgl.
Hartwin Gromes,
Vom Alt-Wiener Volksstück zur Wiener Operette. Diss.
München 1967, S. 34.
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8) Vgl.
Hartwin Gromes,
Vom Alt-Wiener Volksstück zur Wiener Operette. Diss.
München 1967, S. 95.
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9) Moritz
Csáky, »Identität – in der
Operette zu finden?«, in: Die Presse, 16./17.4.1983.
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10) Moritz
Csáky, »Identität – in der
Operette zu finden?«, in: Die Presse, 16./17.4.1983.
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